Im Gespräch mit Steffen Krach: Was die polnische Community in Berlin jetzt braucht

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Zu einem fachpolitischen Austausch mit Steffen Krach, SPD-Politiker und Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, trafen sich Dr. Kamila Schöll-Mazurek, Bundesgeschäftsführerin des Polnischen Sozialrats, Andrzej Berlin, Vorstandsmitglied des Polnischen Sozialrats, Marzena Nowak, Vorsitzende von Polki w Berlinie, Agata Koch vom SprachCafé Polnisch e.V. in Pankow, Danuta Stokowski sowie weitere Vertreter*innen der polnischen Community. Mit dabei war auch Katarina Niewiedzial, Beauftragte des Berliner Senats für Partizipation, Integration und Migration und selbst eine wichtige Stimme der Berliner Polonia.


Es war ein offenes und sehr konkretes Gespräch darüber, was sich in Berlin ändern muss, damit das Potenzial der polnischen Community stärker wahrgenommen und tatsächlich genutzt wird.
Schnell wurde deutlich: Es geht längst nicht mehr nur um klassische Integrationspolitik. Es geht um Fachkräfte, Bildung, politische Teilhabe, Mehrsprachigkeit und um die Frage, welchen Platz eine der größten Communities Berlins in den Strukturen dieser Stadt einnimmt.


Anerkennung von Qualifikationen: Berlin kann es sich nicht leisten, Potenziale zu verlieren

Ein wichtiges Thema waren die nach wie vor komplizierten Wege zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.
Viele Menschen bringen gute oder sehr gute Qualifikationen mit und leben längst in Berlin. Trotzdem können sie ihre beruflichen Kompetenzen nicht entsprechend einsetzen. Gerade für Frauen wird es besonders schwierig, wenn Nachqualifizierung, Beruf und Familie gleichzeitig organisiert werden müssen.
Deshalb haben wir sehr konkrete Verbesserungen angesprochen: verständlichere und transparentere Anerkennungsverfahren, feste Ansprechpartner*innen, mehrsprachige Beratung und vor allem Nachqualifizierungen, die sich tatsächlich mit dem Berufs- und Familienleben vereinbaren lassen – in Teilzeit, hybrid oder direkt im Betrieb.
Auch Kinderbetreuung und finanzielle Absicherung während einer notwendigen Qualifizierung gehören für uns dazu.
Denn es kann nicht sein, dass eine qualifizierte Frau ihre Arbeit aufgeben muss, um die Voraussetzungen für die Anerkennung ihrer Qualifikation zu erfüllen.


Das ist nicht nur eine Frage der Integration. Das ist ganz konkrete Fachkräftepolitik für Berlin.
Organisationen brauchen Verlässlichkeit statt immer neuer Projekte


Sehr deutlich haben wir auch über die Situation migrantischer Organisationen gesprochen.
Viele leisten seit Jahren professionelle Arbeit, kennen die Communities, genießen Vertrauen und übernehmen Aufgaben, die Politik und Verwaltung allein kaum erreichen können. Trotzdem hangeln sie sich häufig von einem befristeten Projekt zum nächsten.


Das muss sich ändern.


Wir brauchen eine verlässliche, langfristige Finanzierung erfolgreicher Strukturen und eine andere Form der Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung.
Organisationen der Communities sollten nicht erst eingeladen werden, wenn ein Konzept praktisch fertig ist. Sie müssen früher am Tisch sitzen – in Fachdialogen, Arbeitsgruppen und bei der Entwicklung von Maßnahmen.
Denn sie bringen Wissen mit, das für gute politische Entscheidungen gebraucht wird.


Frauen sind nicht nur Zielgruppe


Ein weiterer Schwerpunkt war die gesellschaftliche und politische Beteiligung von Frauen mit Migrationsgeschichte.
Unsere Erfahrung zeigt: Es fehlt nicht an Interesse, Kompetenzen oder Engagement. Häufig fehlen Zugänge, Netzwerke und Strukturen, die eine Beteiligung überhaupt ermöglichen.
Mentoring, Leadership-Programme, direkte Ansprache und starke Netzwerke können hier sehr viel bewirken. Gleichzeitig müssen politische und institutionelle Strukturen familienfreundlicher und offener werden.
Frauen mit Migrationsgeschichte sind nicht nur Adressatinnen von Integrationspolitik. Sie sind Unternehmerinnen, Expertinnen, Arbeitnehmerinnen, Ehrenamtliche und potenzielle politische Entscheidungsträgerinnen.


Polnisch und Mehrsprachigkeit gehören zu Berlin


Natürlich haben wir auch über Sprache gesprochen.
Polnisch ist für viele Familien ein wichtiger Teil ihrer Identität. Aber Mehrsprachigkeit ist noch viel mehr: Sie ist eine Kompetenz, die Berlin in Bildung, Wirtschaft und seinen Beziehungen zu seinen europäischen Nachbarn nutzen kann.
Deshalb sollte die Förderung von Herkunfts- und Familiensprachen stärker in den Berliner Bildungsstrukturen verankert werden. Dazu gehören auch die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und Erzieher*innen sowie eine stärkere Einbeziehung mehrsprachiger Eltern und migrantischer Organisationen.


Und was kommt jetzt?


Steffen Krach zeigte im Gespräch großes Interesse an einer engeren Zusammenarbeit mit Polen und der polnischen Community. Wir haben auch darüber gesprochen, dass es in Politik und Verwaltung mehr Wissen und feste Kompetenzen für die Anliegen der Polonia braucht.
Das begrüßen wir.


Gleichzeitig war uns wichtig zu sagen: Viele Probleme sind bekannt. Viele gute Konzepte liegen längst auf dem Tisch. Was jetzt fehlt, ist nicht noch ein Modellprojekt oder noch ein Papier.
Es geht darum, das, was funktioniert, dauerhaft zu finanzieren, umzusetzen und in die regulären Strukturen Berlins zu bringen.


Die polnische Community ist längst Teil der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Realität Berlins. Sie bringt Wissen, Qualifikationen, europäische Erfahrung und ein enormes zivilgesellschaftliches Engagement mit.
Dieses Potenzial sollten wir nicht nur würdigen. Berlin sollte es nutzen – und die Polonia als Partnerin bei der Gestaltung der Stadt ernst nehmen.


Polnischer Sozialrat