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Flucht-Ucieczka Dokumentartheater im Güterzug

„Flucht - Ucieczka“ heißt die Inszenierung, mit der die niedersächsische Theatergruppe Das Letzte Kleinod (Schiffdorf) zurzeit in Polen gastiert. Die Kooperation mit dem Teatr Gdynia Glówna wird von vielen Partnern gefördert, zu sehen ist das Stück an Bahnhöfen in Gdynia, Pila und Poznan, in Frankfurt/Oder, Berlin Spandau, Lüneburg, Hannover-Linden, Bremerhaven, Bad Bederkesa und Geestenseth.


„Spektakl dokumentalny w wagonach towarowych“ steht auf den Werbebannern: „Dokumentartheater in Güterwaggons“. Überraschungen gehören bei diesem Projekt dazu, der Ozeanblaue Zug des Letzten Kleinods spielt eine Hauptrolle. Die sieben Waggons transportieren die Akteure von Ort zu Ort, dienen als Unterkunft und Kantine, Materiallager und Theaterbüro. Vier angehängte Wagen der slowakischen Eisenbahn sind Kulisse und Bühne - mal müssen vor den Vorstellungen Steine beseitigt werden, mal kämpfen die Schauspieler mit staubigem Schotter. Was sie am nächsten Bahnhof erwartet, wissen sie nicht.


Aufführungen im schwarzen Saal sind für Kleinod-Gründer Jens-Erwin Siemssen kein Anreiz, er braucht Wind und Wetter, den direkten Kontakt zum Publikum. „Wir bringen Geschichten an die Orte zurück, an denen sie sich ereignet haben“, erläutert er den Ansatz des Theaters, das im vergangenen Jahr mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet wurde. „Dabei geben wir Erinnerungen an die nächsten Generationen weiter“, sagt Siemssen, der im Gespräch immer wieder den Bogen von „Flucht - Ucieczka“ zur aktuellen Flüchtlingssituation schlägt. Der Theatermacher führt Regie und hat den Text geschrieben, als Autor sieht er sich dennoch nicht. „Eher als Arrangeur. Wir haben den Texten der Zeitzeugen nichts hinzugefügt.“


Die Zeitzeugen wurden in Deutschland, Russland und Polen interviewt, das Stück stellt sie nun vor. Margarita Wiesner und Katja Tannert spielen Mädchen aus Ostpreußen, Wlada Vladislava ein Mädchen aus Russland und Matylda Magdalena Rozniakowska ein Mädchen aus Polen. Iwo Bochat ist ein junger russischer Soldat, Radoslaw Smuzny ein litauischer Junge, Szymon Jablonski (Akkordeon) und Marcin Koziol (Gitarre) sorgen für die musikalische Begleitung. Kabeltrommeln sind die einzigen Requisiten, elf Szenen führen vom Blaubeersammeln zur Flucht über das Haff und Fliegerangriffen, zum Ende des II. Weltkriegs. Geschichte in starken Bildern, beeindruckendes Theater, das unter die Haut geht: Nicht nur bei der Premiere in Gdynia gab es stehenden Applaus.


Von Gdynia (Gdingen) mit dem Ozeanblauen Zug weiter nach Pila (Schneidemühl), es ist für alle wie eine Reise in vergangene Zeiten. Zuerst das lange Warten neben einer Industriebrache bei Gdansk, schließlich rumpeln die Waggons sanft schaukelnd auf einspurigem Gleis durch Wälder, Wiesen und Felder, ziehen kleine Ortschaften der Woiwodschaften Pommern und Großpolen vorbei. Die untergehende Sonne auf der einen, der aufgehende Mond auf der anderen Seite, das Rattern der Gleisschwellen sorgt für den Rhythmus der Fahrt. Weil der Elektrizitätsanschluss nicht funktioniert, muss nach der nächtlichen Ankunft erstmal hart gearbeitet werden. Aber zwei Stunden später haben die beiden mitreisenden Techniker und ihr polnischer Kollege das Problem behoben, geht in Pila das Licht an.


Pressegespräche und Proben, der nächste Großeinkauf wird geplant. Das Projekt ist nicht zuletzt eine logistische Herausforderung: Produktionsleiterin Ida Bocian (Teatr Gdynia Glówna) telefoniert einmal mehr mit der Bahn in Poznan, der syrische Koch Ali Ali Deeb tischt noch ein spätes Abendessen auf. Für die erste Doppelvorstellung in Pila gab es zweimal stehenden Schlussapplaus - bis zum 29. Juli spielt das Ensemble das Stück noch auf Polnisch, ab dem 3. August dann auf Deutsch. Egal, in welcher Sprache: „Flucht - Ucieczka“ ist auf jeden Fall ein Theatererlebnis.

Text: U. Müller

 

Spieltermine „Flucht – Ucieczka“

Frankfurt/Oder

Lokwerkstatt der DB Netz, Briesener Str. 4, 15230 Frankfurt/Oder

3.8.2016 19:00 Uhr, 20:30 Uhr (Premiere Deutschland)

4.8.2016 19:00 Uhr, 20:30 Uhr

5.8.2016 19:00 Uhr, 20:30 Uhr

 

Berlin

Bahnhof Havelländische Eisenbahn, Schönwalder Allee 51a, 13587 Berlin-Spandau

6.8.2016 19:00 Uhr

7.8.2016 20:30 Uhr

 

Regie: Jens-Erwin Siemssen / Dramaturgie: Zindi Hausmann / Ensemble: Matylda Magdalena Rozniakowska, Katja Tannert, Margarita Wiesner, Wlada Vladislava, Iwo Bochat, Radoslaw Smuzny, Szymon Jablonski, Marcin Koziol

Das Projekt wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags, Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Niedersächsische Staatskanzlei, Stiftung Niedersachsen, Stadt Gdynia, Regionalne Centrum Kultury w Pile, Stadt Poznan, Landschaftsverband Stade, Stadt Bremerhaven, Landkreis Cuxhaven, Stadt Lüneburg, Gemeinde Schiffdorf, Weser-Elbe Sparkasse und der Sparkassenstiftung Lüneburg. Mit freundlicher Unterstützung durch das Ostpreußische Landesmuseum Lüneburg. In Koproduktion mit dem Kleist-Forum Frankfurt/Oder. Das Projekt wurde im Rahmen von „Szenenwechsel“, einem Programm der Robert Bosch Stiftung und des Internationalen Theaterinstituts gefördert.

www.das-letzte-kleinod.de